Artists & Agents – Online

16. März 2020 - 01. Juni 2020 Nur online

#HMKVathome

+++ Die Ausstellung „Artists & Agents - Performancekunst und Geheimdienste“ endete – trotz Schließung des Dortmunder U – regulär am 19. April. Bis zur Wiedereröffnung des HMKV mit der nächsten Ausstellung am 02. Juni machen wir mit Artists & Agents Online diese Ausstellung für Euch zugänglich. An dieser Stelle findet Ihr begleitende Angebote, Videos, Podcasts, etc., welche einzelne Aspekte der Ausstellung gesondert beleuchten. Ihr könnt uns auch in den sozialen Medien unter #HMKVathome folgen. +++

 

Von der privaten Erinnerungsfotografie, zum 'Beweismaterial' der Stasi, und schließlich zum Kunstgegenstand:

2007 entdeckte Alba D’Urbano in der Ausstellung der spanischen Künstlerin Dora Garcia in der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig ein 25 Jahre altes Foto ihrer Kollegin Tina Bara. Das (anonyme) Schwarz-Weiß-Foto, das auch auf dem Cover des Ausstellungskataloges abgebildet ist, zeigt Tina Bara nackt mit einem schwarzen Balken über den Augen, zusammen mit der Textzeile „BStU-Kopie MfS HA XX/Fo/689 Bild 9“. Das Foto ist Teil eines privaten Fotokonvoluts aus dem Jahr 1983, das die Stasi im Rahmen des Operativen Vorgangs „Wespen“ beschlagnahmt hatte. Garcia verwendete dieses Material als Readymade, ohne jedoch die Herkunft der Bilder eingehend zu recherchieren. „Wespen-Akte“ war der Deckname der Stasi für die „Frauen für den Frieden“, die sich in der DDR der 1980er Jahre für Entmilitarisierung, Abrüstung und eine friedensgemäße Kindererziehung engagierten.

Wie sich die Künstlerinnen das Bildmaterial – einschließlich seiner Geschichte – nach diesen gewaltsam erfahrenen Enteignungen wieder aneignen, dazu mehr im Video.

Kunst im Verhör

Im „Lesesaal“ der Ausstellung haben wir acht Aktenfälle vorgestellt, die ernüchternde und teils schockierende Einblicke die Arbeitsweise von Geheimdiensten bieten – und in das Misstrauen dieser Dienste Künstler*innen gegenüber.

 

Oft wurden Künstler*innen von der Staatssicherheit (DDR) direkt vorgeladen. Es handelte sich dabei um eine typische "Zersetzungsmaßnahme" zur "Untergrabung des Selbstvertrauens". Es gibt aber auch Fälle, in denen Bürger*innen zu "legendierten Aussprachen" vorgeladen worden sind. Bei diesem Fall haben wir es mit einer Aussprache zu tun, bei der sich die beiden verhörenden Stasioffiziere nicht nur für den*die Künstler*in interessieren, sondern auch für Aktionskunst als Gattung. Die Staatssicherheit fürchtete Aktionskunst – als Gattung aus dem Westen, als Praxis der historischen Avantgarde, als unvorhersehbares Geschehen.

Ministerium für Staatssicherheit (MfS), DDR: "Aber diese Form der Aktionskunst ist mir ein bisschen fremd"

 

Audioaufnahme einer Textabschrift einer Audioaufnahme, gekürzt und geschwärzt von den Kuratorinnen
Quelle: BSTU, MFS HA II TB 198 ROT
© HMKV

Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes präsentieren wir eine durch Schauspieler eingesprochene Aufnahme, die alle Hinweise auf konkrete Aktionen vermeidet.

Kata Krasznahorkai über die Audioaufnahme des Ministerium für Staatssicherheit, DDR

 

Die Co-Kuratorin der Ausstellung "Artists & Agents  – Performancekunst und Geheimdienste", Kata Krasznahorkai, spricht in diesem Podcast über einen Zufallsfund im Archiv des BstU (Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik) in Berlin.

Artists & Agents – Sylvia Sasse über das Verhältnis zwischen Künstler*innen und Geheimdiensten

 

"Es geht darum, die massiven Eingriffe in das Leben von Personen zu zeigen." – Kuratorin Sylvia Sasse zeigt anhand von Beispielen aus der Ausstellung welche Ausmaße Desinformation und 'Zersetzung' von Künstler*innen durch Geheimdienste in den ehemals sozialistischen Staaten angenommen hat, die weit über einfache Beobachtung hinausgehen. Diese Fälle machen deutlich, dass diese Konflikte kein Thema der Vergangenheit sind, sondern sich bis in unsere Gegenwart fortsetzen.

„Artists & Agents” - Kata Krasznahorkai über den Fall László Algol

 

Künstler oder Agent? Der Mann mit langen Haaren und blauem Hemd hat sich in Künstler*innen­kreisen um György Galántai als László Algol vorgestellt. Sein wahrer Name lautete jedoch Gusztáv M. Hábermann. Hábermann/Algol arbeitete unter dem Decknamen „Pécsi Zoltán“ für die ungarische Staatssicherheit, am Ende als hauptamtlicher Offizier.

Kuratorin Kata Krasznahorkai berichtet von einem besonders spannenden Fall, in dem ein Künstler zugleich Agent war und eine ganze Künstlerszene bespitzelte.

„Das Scheigen von Clara Mosch wird unterbewertet“ – Eine Spurensuche von Inke Arns, Kata Krasznahorkai und Sylvia Sasse

 

Was passiert, wenn man die Stasiberichte ernst nimmt? Im September 2019 unternahmen die drei Kuratorinnen Sylvia Sasse, Kata Krasznahorkai und Inke Arns ein Experiment: Anhand der Stasi-Akten über die Künstler*innengruppe „Clara Mosch“ versuchten sie den genauen Ort zu finden, an dem die Gruppe im Jahr 1980 ein Happening veranstaltet hatte. Kurt Buchwald, ein befreundeter Künstler, feierte an diesem Tag gemeinsam mit „Clara Mosch“ seinen Geburtstag. Mit Farbe wurden Parolen auf die Landstraße bei Dittmannsdorf geschrieben. Eine besonders provokante Botschaft schrieb Ralf-Rainer Wasse, ein Freund und Fotograf der Gruppe „Clara Mosch“, auf die Straße: „Das Scheigen von Clara Mosch wird unterbewertet“. Eine Anspielung auf Joseph Beuys’ Aktion „Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet“ von 1964. Der Spruch kann aber auch als Protest gegen die Schließung der Galerie der Gruppe gelesen werden. Warum das „w“ im „Schweigen“ fehlt ist nicht bekannt. Buchwald vermutet einen Verweis Wasses auf sich selbst, eine Art Signierung.

 

Künstler und Agent in Doppelfunktion

Wie sich später herausstellte, war Wasse, alias IM „Frank Körner“, ein langjähriger Stasispitzel. Er dokumentierte mit seinen Fotos die Aktionen der Gruppe künstlerisch und geheimdienstlich. Erst vier Jahre nach dem Happening – 1984 – verfasste er seinen Bericht über die „Schmiererei“ und schob die Losung Buchwald in die Schuhe. In der Stasiakte sehen wir forensische Fotos halbzerbröckelter Buchstaben, die penibel ausgemessen wurden. Aber wieso entstand dieser Bericht vier Jahre nach der „Tat“? Buchwald bemühte sich zu der Zeit um Aufnahme in den Verband bildender Künstler – und der Bericht Wasses sollte Buchwald kompromittieren („Kompromat“). Buchwald wurde trotzdem aufgenommen.

 

Geglückt ist die Recherchereise der Kuratorinnen nach Dittmannsdorf dank ortskundiger Hilfe: Durch die tatkräftige Mithilfe von Enrico Münzner, Vorsitzender des Heimatvereins Dittmannsdorf, und des Chemnitzer Taxifahrers Toni Baeßler gelang es, anhand von Wasses Fotos die inzwischen überteerte Stelle zu finden. Die Stasiakten gaben nur ansatzweise und recht ungenau die Lage auf der Landstraße wieder. Niemand im Ort konnte sich an das Happening oder den Schriftzug erinnern, selbst nicht die betagten ehemaligen LPG-Bauern, die abtelefoniert wurden.

 

In Dittmannsdorf wurde durch die Recherchereise ein unbekanntes Kapitel der Dorfgeschichte (wieder-)entdeckt, das auch von der Kunstgeschichte bisher kaum beachtet worden ist. Der Spruch „Das Scheigen von Clara Mosch wird unterbewertet“– über 40 Jahre vergessen – hat spätestens seit seiner Verwendung bei der diesjährigen Karnevalssitzung Eingang in die Alltagschronik des Ortes gefunden.

 

Mehr über die Gruppe „Clara Mosch“ und die Stasi-Strategien zur Überwachung und Zersetzung von Künstler*innen ist im Magazin zur Ausstellung nachzulesen. Es kann als kostenloses PDF von der Website heruntergeladen werden.

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